Seit 2011 prägt Andrea von Goetz mit der Sommerfrische Kunst Bad Gastein die internationale Kunstszene in den Alpen. Was als kleine Künstlerresidenz begann, entwickelte sich zu einem der renommiertesten Artist in Residence Programme Österreichs und zu einer internationalen Kunstmesse. Im Interview spricht die Kuratorin über ihre Anfänge, außergewöhnliche Künstler, ihre Vision für Bad Gastein und darüber, warum Kulturarbeit ihren Wert kennen muss.
Frau von Goetz, wie entstand die Idee zur Sommerfrische Kunst Bad Gastein?
Ich wollte einen Ort schaffen, an dem junge Künstlerinnen und Künstler fernab des Großstadtlebens arbeiten können. Einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen und sich ganz auf ihre Kunst konzentrieren können. Als ich 2011 nach Bad Gastein kam, hatte ich praktisch freie Hand. Es gab zwar kein großes Budget, dafür aber die Möglichkeit, meine Vorstellungen umzusetzen.
Gemeinsam mit der damaligen Kurdirektorin entdeckten wir das alte Kraftwerk am Wasserfall. Das Gebäude befand sich in einem sehr schlechten Zustand, doch genau darin lag sein besonderer Charme. Dort luden wir erstmals neun Künstlerinnen und Künstler ein. Damals war alles noch sehr familiär. Über die Jahre entwickelte sich daraus Schritt für Schritt das, was die Sommerfrische Kunst heute ist.
Sie gelten als Entdeckerin junger Talente. Was zeichnet einen Künstler mit Potenzial aus?
Ich glaube, ich habe tatsächlich ein gutes Gespür für Menschen und ihre Entwicklung. Es freut mich besonders, wenn Künstlerinnen und Künstler, die früh bei uns waren, später international erfolgreich werden. Solche Entwicklungen zu begleiten, gehört zu den schönsten Seiten meiner Arbeit.
Wie fanden Sie selbst zur zeitgenössischen Kunst?
Aus reiner Leidenschaft. Nach meinem Studium arbeitete ich zunächst im klassischen Marketing. Dort war ich bereits sehr kreativ tätig und entwickelte unter anderem Filmprojekte für Werbekampagnen. Gleichzeitig begann ich Kunst zu sammeln.
Je intensiver ich mich mit der Kunstwelt beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, wie schwierig die wirtschaftliche Situation vieler Künstlerinnen und Künstler ist. Nur ein sehr kleiner Teil kann dauerhaft von seiner Arbeit leben. Daraus entstand der Wunsch, junge Talente aktiv zu unterstützen und ihnen Möglichkeiten zu eröffnen.
Heute besteht mein Alltag allerdings weniger aus kuratorischer Arbeit als aus Organisation. Fördergelder, Sponsoren, Galerien und internationale Kooperationen nehmen einen großen Teil meiner Zeit ein. Der enge tägliche Austausch mit den Künstlerinnen und Künstlern fehlt mir manchmal.
Worauf sind Sie nach mehr als 16 Jahren Sommerfrische Kunst besonders stolz?
Darauf, dass wir durchgehalten haben. Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit. Ein Kulturprojekt dauerhaft aufzubauen und international zu etablieren, gelingt nur mit Ausdauer, Leidenschaft und einem starken Netzwerk. Dass dies gelungen ist, erfüllt mich mit großer Freude.
Wie gelingt es, internationale zeitgenössische Kunst mit der lokalen Bevölkerung zu verbinden?
Zeitgenössische Kunst ist grundsätzlich ein sehr spezielles Thema. Selbst in großen Städten interessiert sich nur ein kleiner Teil der Menschen intensiv dafür. Deshalb war für mich von Anfang an klar, dass wir nur mit einer starken kuratorischen Qualität erfolgreich sein können.
Natürlich ist das manchmal anspruchsvoll. Trotzdem wächst das Interesse jedes Jahr. Viele Besucher kommen zunächst wegen der außergewöhnlichen Orte und entdecken anschließend die Kunst. Diese Verbindung macht Bad Gastein einzigartig.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstlerinnen und Künstler aus?
Inzwischen entscheidet eine unabhängige Jury mit. In diesem Jahr haben wir erstmals einen thematischen Open Call ausgeschrieben. Unter dem Titel Between Waters standen die heißen Quellen, der Wasserfall und die besondere Topografie Bad Gasteins im Mittelpunkt.
Mehr als hundert Künstlerinnen und Künstler reichten ihre Konzepte ein. Entscheidend war, wie intensiv sie sich mit dem Ort auseinandersetzten und welche inhaltliche Qualität ihre Projekte hatten.
Welche Begegnungen haben Sie besonders berührt?
Es gibt zwei Künstler, die mir bis heute besonders in Erinnerung geblieben sind.
Einer von ihnen ist der tschetschenische Künstler Aslan Goisum, der 2013 an der Sommerfrische Kunst in Bad Gastein teilnahm. Er stammt aus Grosny und verarbeitet in seinen Installationen und Videoarbeiten die Erfahrungen des Tschetschenienkriegs, Erinnerung und den Verlust kultureller Identität. Als er damals nach Bad Gastein kam, verfügte er über kaum finanzielle Mittel. Seine Arbeiten waren unglaublich eindringlich und bewegten uns alle sehr.

Wir haben ihn damals sehr ins Herz geschlossen. Als kleines Geschenk ermöglichten wir ihm einen Paragleitflug, weil das sein großer Traum war. Heute zählt Aslan Goisum zu den international bedeutenden zeitgenössischen Künstlern seiner Generation. Seine Werke werden weltweit in Museen, Biennalen und renommierten Ausstellungshäusern gezeigt. Solche Entwicklungen machen mich besonders glücklich.
Eine weitere beeindruckende Geschichte verbindet mich mit dem saudi arabischen Künstler Muhannad Shono. Er war früh Teil unseres Artist in Residence Programms und entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren zu einer der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Kunst im Nahen Osten. Er kuratierte später unter anderem den saudischen Pavillon bei der Biennale von Venedig und war Co Kurator der Islamic Arts Biennale in Dschidda.
Viele Jahre später lud er mich nach Saudi Arabien ein und sagte, ich hätte einen wichtigen Anteil an seinem Weg gehabt. Solche Momente zeigen, dass aus einer Künstlerresidenz oft langfristige Beziehungen entstehen, die weit über eine Ausstellung hinausreichen.
Welche Ziele haben Sie für die Zukunft der Sommerfrische Kunst?
Eigentlich habe ich meinen Traum bereits verwirklicht. Schon 2012 sagte ich in einem Interview, dass ich mir eine kleine, hochwertige Kunstmesse in den Alpen wünsche. Genau das ist heute Realität.
Was ich mir wünsche, ist noch mehr internationale Präsenz bei den Galerien. Die Künstlerinnen und Künstler kommen bereits aus der ganzen Welt. Nun wäre es schön, wenn noch mehr junge internationale Galerien den Weg nach Bad Gastein finden würden.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Bad Gastein?
Ich wünsche mir, dass das Kongresshaus saniert wird und wir dort eine Akademie für Kunst, Design und Architektur etablieren können. Das wäre ein bedeutender Impuls für den Ort und würde Bad Gastein langfristig als internationalen Kulturstandort stärken.
Welches Kunstwerk hat Sie in den vergangenen Jahren besonders beeindruckt?
Ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt, ist die Installation Hafen des deutschen Künstlers Olaf Holzapfel. Gemeinsam haben wir auf rund 2.500 Metern Höhe eine monumentale Holzstruktur errichtet.
Bis das Projekt umgesetzt werden konnte, vergingen fast vier Jahre, weil zahlreiche Genehmigungen erforderlich waren. Das Werk hat kontroverse Diskussionen ausgelöst, gleichzeitig aber gezeigt, wie Kunst den Blick auf Landschaft und Natur verändern kann. Für mich gehört es zu den bedeutendsten Arbeiten, die in Bad Gastein entstanden sind.
Welchen Rat geben Sie jungen Kuratorinnen, Kuratoren und Kulturmanagern?
Sie sollten ihren eigenen Wert kennen und sich früh professionell aufstellen. Gerade im Kulturbereich arbeiten viele Menschen aus Idealismus. Das ist wichtig und wertvoll. Gleichzeitig darf Idealismus nicht bedeuten, sich unter Wert zu verkaufen.
Kunst ist Leidenschaft. Gleichzeitig ist sie ein Beruf. Künstlerinnen, Künstler und Kuratorinnen investieren Zeit, Wissen und Erfahrung in ihre Arbeit. Sie verdienen faire Honorare und wirtschaftliche Sicherheit. Nur so kann langfristig gute Kultur entstehen.
Andrea von Goetz im Porträt
Andrea von Goetz gründete 2011 die Sommerfrische Kunst Bad Gastein und entwickelte daraus eines der renommiertesten Artist in Residence Programme Österreichs. Heute verbindet das Festival internationale Kunst, Architektur und Kultur an außergewöhnlichen Orten in den Alpen und gilt als wichtiger Treffpunkt für Künstlerinnen, Galerien, Sammler und Kuratoren aus aller Welt.
Weitere Informationen
www.artbadgastein.com






































