Mit über 50 Jahren gründete Raffaella Iten Metzger die Schweizer Taschenmarke De Marquet. Heute pendelt die Unternehmerin zwischen Bern und Mailand, entwickelt Handtaschen mit italienischen Handwerkern und verfolgt das Ziel, ihre Marke international zu etablieren. Im Interview mit NewMagz spricht sie über ihren beruflichen Neuanfang, die Herausforderungen der Modebranche, ihre kreative Kindheit und darüber, warum wahrer Luxus für sie nichts mit Statussymbolen zu tun hat.
Es gibt Lebensentscheidungen, für die man nicht zu spät, sondern genau zur richtigen Zeit bereit ist. Für Raffaella Iten Metzger war die Gründung ihrer eigenen Taschenmarke eine solche Entscheidung.
Die Schweizer Unternehmerin hatte bereits eine erfolgreiche berufliche Laufbahn in der Kommunikationsbranche hinter sich, als sie begann, ihren Traum von einer eigenen Handtaschenmarke zu verwirklichen. 2017 nahm ihre Idee konkrete Formen an. 2020 gründete sie De Marquet.
Heute verbindet das Label Schweizer Design mit italienischer Handwerkskunst. Die Taschen werden in der Schweiz entworfen und in der Toskana gefertigt. Im Mittelpunkt stehen klare Silhouetten, hochwertige Materialien und intelligente Funktionen für Frauen, die mitten im Leben stehen.
Doch der Weg von der ersten Idee bis zur eigenen Marke war nicht immer einfach. Raffaella Iten Metzger erzählt offen von finanziellen Herausforderungen, falschen Erwartungen, ihrer eigenen Ungeduld und den Momenten, die ihr immer wieder neue Energie geben.

De Marquet mit über 50 gründen: Warum der Zeitpunkt entscheidend war
NewMagz: Sie haben De Marquet erst nach Ihrem 50. Lebensjahr gegründet. Was konnten Sie mit 50, was Sie mit 30 noch nicht konnten?
Raffaella Iten Metzger: Es gab verschiedene Gründe, weshalb ich diesen Schritt nicht früher gemacht habe. Ich führte damals eine Kommunikationsagentur mit fünf Mitarbeitenden, und meine Kinder waren noch klein. Eine eigene Taschenmarke aufzubauen bedeutet, sehr viel unterwegs zu sein und sich intensiv mit unterschiedlichsten Themen auseinanderzusetzen. Das hätte ich damals mit meiner Familie nicht vereinbaren wollen.
Als ich älter wurde, war der richtige Moment gekommen. Ich glaube, dass ich mit 50 besser in der Lage war, das grosse Ganze zu sehen.
Mit 30 hätte ich mich wahrscheinlich stärker auf jene Dinge konzentriert, die mir besonders Freude machen. Aber beim Aufbau eines Unternehmens muss man sich auch um Aufgaben kümmern, die vielleicht weniger spannend sind, aber genauso wichtig.
Heute sehe ich diese Zusammenhänge viel klarer.
Gab es einen bestimmten Moment, in dem Sie wussten, dass aus Ihrer Idee tatsächlich eine eigene Marke werden sollte?
Eigentlich wusste ich das von Anfang an. Ich komme aus dem Marketing und habe deshalb immer in Marken gedacht.
Als ich begann, meine Idee auszuprobieren, meldete ich bereits im ersten Jahr den Markenschutz an. De Marquet ist der Name meiner Urgrossmutter. Ich wollte diesen Namen bewahren und ihm eine neue Bedeutung geben.
Ich habe nicht zuerst Taschen entworfen und später entschieden, daraus eine Marke zu machen. Bei mir war die Marke gewissermassen schon vor dem eigentlichen Produkt da.
Von der ersten Idee zur eigenen Schweizer Taschenmarke
Warum haben Sie sich ausgerechnet für Handtaschen entschieden?
Die Idee entstand aus einem ganz persönlichen Bedürfnis.
Ich war früher beruflich viel unterwegs, oft nur für zwei oder drei Tage und meistens mit Handgepäck. In einen kleinen Koffer passen problemlos zwei Paar Schuhe, aber nicht drei verschiedene Handtaschen.
Gleichzeitig hatte ich auf diesen Reisen ganz unterschiedliche Termine. Ein Meeting am Morgen, vielleicht ein Cocktail am Abend und anschliessend noch eine elegante Veranstaltung.
Ich fragte mich deshalb, warum es keine Tasche gibt, deren Aussehen man ganz einfach verändern kann.
So entstand meine ursprüngliche Idee einer Tasche mit austauschbaren Deckeln. Man nimmt eine Basis mit und kann sie durch verschiedene Covers immer wieder neu gestalten.
Dieses Konzept liegt mir bis heute besonders am Herzen.
Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie Ihre erste De Marquet Tasche in den Händen hielten?
Sehr gut sogar. Ich war damals mit meinem kleinen Mini durch die Toskana gefahren, um verschiedene Ateliers zu besuchen.
Schliesslich fand ich einen winzigen Familienbetrieb, in dem eine Tochter gemeinsam mit ihrem Vater arbeitete. Dort entstand meine erste Tasche.
Ich war natürlich sehr stolz.
Wenn ich mir dieses Modell heute anschaue, muss ich allerdings schmunzeln. Die Verarbeitung war damals noch weit entfernt von dem, was wir heute machen.
Es war sehr viel Handarbeit und manches wirkte fast ein wenig improvisiert.
Rückblickend brauchte es wahrscheinlich ziemlich viel Selbstbewusstsein, um diese erste Tasche zu verkaufen. Aber man muss irgendwo anfangen. Mit jedem Schritt lernt man dazu und entwickelt sich weiter.
«Stil hat nichts mit materiellem Reichtum zu tun»
Wie würden Sie Ihren persönlichen Stil in drei Worten beschreiben?
Eklektisch, selbstbewusst und mit einem leicht französischen Touch.
Ich mag auch etwas Nostalgisches. Vielleicht steckt in meinem Stil ein wenig Art déco. Ich habe schon immer gerne unterschiedliche Einflüsse miteinander verbunden.
Sie sind in einem sehr kreativen Elternhaus aufgewachsen. Hat das Ihre Vorstellung von Stil geprägt?
Ganz bestimmt. Meine Eltern waren unglaublich stilvolle Menschen, obwohl wir keineswegs in einem materiell reichen Umfeld lebten.
Mein Vater war sehr kreativ. Er malte, machte Musik und spielte Theater. Meine Mutter hatte ebenfalls ein ausgeprägtes Gespür für Ästhetik.
Ich erinnere mich, dass meine Eltern manchmal ganz spontan beschlossen, unser Wohnzimmer neu zu gestalten.
Dann wurde gemalt, tapeziert und alles umgestellt. Wenn ich am Samstag von der Schule nach Hause kam, war die ganze Wohnung eine Baustelle. Am Sonntagabend hatten wir plötzlich ein komplett neues Wohnzimmer.
Wir lebten in einer normalen Viereinhalbzimmerwohnung in Ostermundigen.
Trotzdem haben mir frühere Schulkollegen später erzählt, sie hätten immer das Gefühl gehabt, wir würden in einem Schloss wohnen.
Dabei war es überhaupt kein Schloss. Es war einfach ein Zuhause voller Kreativität und schöner Ideen.
Diese Freude an Ästhetik hat mich sicher sehr geprägt.

Schweizer Design und italienische Handwerkskunst
De Marquet verbindet Schweizer Design mit italienischer Handwerkskunst. Wo erkennt man in Ihren Taschen die Schweiz und wo Italien?
Das Schweizerische ist für mich ganz klar die Funktionalität.
Ich denke sehr praktisch. Eine Tasche muss eine sinnvolle Grösse haben, angenehm zu tragen sein und im Alltag funktionieren.
Das Italienische bringt den kreativen Twist hinein.
Ein schönes Beispiel ist das pinkfarbene Innenleben einer unserer Taschen. Auf diese Idee wäre ich selbst wahrscheinlich nicht gekommen. Sie entstand in unserem italienischen Team.
Genau diese Zusammenarbeit schätze ich sehr. Die Italiener bringen eine andere kreative Perspektive mit.
Manchmal entstehen dadurch Details, die einer Tasche etwas Besonderes verleihen.
Wie entsteht bei Ihnen eine neue Handtasche? Beginnt alles mit einer Zeichnung, einem Material oder einem konkreten Bedürfnis?
Meistens beginnt es mit einem Bedürfnis. Ich entwerfe in erster Linie für mich selbst, weil ich mich auch als Teil meiner Zielgruppe sehe.
Wenn ich eine Idee habe, mache ich zunächst eine einfache Skizze von Hand. Ich bin keine professionelle Zeichnerin, aber ich kann damit zeigen, was ich mir vorstelle.
Anschliessend bespreche ich die Idee mit meinem Team in Italien.
Ein Grafiker erstellt daraus eine präzise technische Zeichnung mit den richtigen Massen und Proportionen.
Danach beginnt die Prototypenentwicklung. Wir prüfen jedes Detail. Steht die Tasche richtig? Stimmen die Proportionen? Ist der Schulterriemen lang genug, damit man sie auch über einem Wintermantel tragen kann?
Oft braucht es einen zweiten Prototyp, bis alles stimmt.
Der gesamte Prozess ist sehr aufwendig. Allein die Herstellung des Leders kann mehrere Wochen dauern. Bis eine Tasche fertig produziert ist, vergehen häufig dreieinhalb bis vier Monate.
Das ist echte Slow Fashion und verlangt viel Geduld.
Warum eine Handtasche heute mehr können muss
In einer Welt, in der es bereits unzählige Handtaschen gibt: Was muss ein neues Produkt mitbringen, damit es seine Berechtigung hat?
Für mich muss eine Tasche ein echtes Bedürfnis erfüllen.
Sie muss schön sein, aber auch funktionieren. Leichtigkeit ist beispielsweise unglaublich wichtig. Ich möchte keine Tasche tragen, die schon leer schwer ist.
Auch die Grösse spielt eine entscheidende Rolle.
Ich wollte schon lange eine grosse Tasche entwickeln. Mein italienisches Team war zunächst skeptisch, weil dort eher kleine Modelle gefragt waren.
Aber ich wusste, dass viele Frauen in der Schweiz eine grössere Tasche brauchen.
Wir gehen morgens aus dem Haus und kommen oft erst am Abend zurück. Dazwischen arbeiten wir, haben Termine und tragen vieles mit uns herum.
Da muss vielleicht auch ein Laptop Platz haben.
Trotzdem möchte man nicht einfach eine Tasche, die nur Dinge transportiert. Sie soll auch schön aussehen.
Mit unserer neuen grossen Tasche hat sich dieses Bedürfnis bestätigt. Die Resonanz ist sehr positiv.
Gab es ein Design, von dem Sie überzeugt waren, das sich aber anders entwickelt hat als erwartet?
Ja, mein ursprüngliches Night and Day Konzept mit den austauschbaren Deckeln.
Ich bin bis heute davon überzeugt.
Besonders Schweizer Kundinnen schätzen die Idee, weil sie sehr praktisch ist.
Das Problem liegt allerdings im klassischen Handel.
Ein Produkt, das aus mehreren Teilen besteht, ist für das Verkaufspersonal schwieriger zu erklären. Zudem ist es für ein Geschäft wirtschaftlich attraktiver, eine komplette Tasche zu verkaufen als einen zusätzlichen Deckel.
Deshalb habe ich das Konzept vorerst zurückgestellt.
Aber ich habe es nicht aufgegeben. Ich möchte es wieder aufnehmen, sobald De Marquet als Marke stärker etabliert ist.
Manchmal ist eine gute Idee einfach noch nicht zum richtigen Zeitpunkt da.

Die Herausforderungen einer Unternehmerin in der Modebranche
Was war die grösste Herausforderung beim Aufbau von De Marquet?
Ganz klar die Finanzierung und das richtige Netzwerk.
Ich habe unterschätzt, wie viel Geld es kostet, eine Marke aufzubauen. Besonders dann, wenn man von Anfang an international denken möchte.
Jeder Schritt kostet Geld. Man muss deshalb sehr genau überlegen, wo man investiert.
Die zweite grosse Herausforderung war, die richtigen Menschen kennenzulernen.
Jede Branche hat ihre eigenen Netzwerke. Wenn man neu dazukommt, weiss man zunächst nicht, welche Kontakte wirklich wichtig sind und wem man vertrauen kann.
Ich habe dabei auch Fehler gemacht und Lehrgeld bezahlt.
Aber es gibt immer wieder Momente, die mich unglaublich motivieren.
Kürzlich schickte mir mein Markenanwalt aus Hamburg ein Foto von einer Frau, die dort mit einer De Marquet Tasche unterwegs war.
Solche Augenblicke sind für mich wunderschön. Plötzlich sieht man, dass die eigene Idee tatsächlich ihren Weg in die Welt findet.
Welche persönliche Eigenschaft hat Ihnen als Unternehmerin am meisten geholfen und welche stand Ihnen manchmal im Weg?
Am meisten geholfen haben mir mein Optimismus und meine Offenheit.
Ich lerne unglaublich gerne neue Menschen kennen, interessiere mich für andere Perspektiven und bin grundsätzlich ein positiver Mensch.
Ich bin bereit, Chancen zu ergreifen und auch einmal etwas zu wagen.
Was mir manchmal im Weg steht, ist meine Ungeduld.
Wenn ich eine Idee habe, möchte ich sie am liebsten sofort umsetzen.
Aber gerade in unserer Branche funktioniert das nicht. Die Herstellung hochwertiger Taschen braucht Zeit.
Ich musste lernen, geduldiger zu werden und zu akzeptieren, dass sich nicht alles beschleunigen lässt.
Das fällt mir nicht immer leicht.
«Für mich ist Luxus heute vor allem Zeit»
Was bedeutet Luxus für Sie heute persönlich? Hat sich Ihre Definition im Laufe Ihres Lebens verändert?
Für mich ist Luxus heute wirklich Zeit.
Aber nicht einfach nur freie Zeit. Es geht darum, diese Zeit in einem geschützten und liebevollen Umfeld verbringen zu dürfen.
Ich empfinde es als unglaubliches Glück, eine Familie zu haben, die Bestand hat.
Am Abend mit meinem Mann ein Glas Rosé zu trinken, am Wochenende vielleicht spontan in die Berge zu fahren oder einfach mit Menschen zusammen zu sein, die mir wichtig sind.
Dieses Gefühl von Geborgenheit, von Familie und Freundschaft, ist für mich der grösste Luxus.
Es sind diese Momente, in denen man auftanken und neue Energie finden kann.
De Marquet in fünf Jahren: Eine Vision für die Zukunft
Wenn wir uns in fünf Jahren wieder treffen: Was wünschen Sie sich, dann über De Marquet erzählen zu können?
Ich wünsche mir, dass De Marquet bis dahin als Marke stärker etabliert ist, auch über die Schweizer Grenzen hinaus.
Es muss nicht gleich die ganze Welt sein.
Aber ich möchte, dass ausgewählte internationale Geschäfte unsere Marke kennen und gerne mit uns zusammenarbeiten.
Mein Ziel ist es, langfristige Partnerschaften aufzubauen, die für beide Seiten erfolgreich sind.
Und ich würde sehr gerne mein ursprüngliches Night and Day Konzept wieder aufnehmen.
Vielleicht gelingt es uns irgendwann, in einem Geschäft einen eigenen Bereich zu haben, in dem wir diese Idee mit den austauschbaren Deckeln richtig präsentieren können.
Das wäre für mich ein wunderbarer nächster Schritt.
Häufig gestellte Fragen zu Raffaella Iten Metzger und De Marquet
Wer ist Raffaella Iten Metzger?
Raffaella Iten Metzger ist eine Schweizer Unternehmerin und Gründerin der Handtaschenmarke De Marquet. Vor der Gründung ihrer eigenen Marke führte sie eine Kommunikationsagentur. Heute entwickelt sie Taschen, die Schweizer Design mit italienischer Handwerkskunst verbinden.
Wann wurde De Marquet gegründet?
De Marquet wurde 2020 von Raffaella Iten Metzger gegründet. Die Idee für die eigene Taschenmarke entwickelte sie bereits 2017.
Warum gründete Raffaella Iten Metzger ihre Marke erst mit über 50?
Die Unternehmerin wollte zunächst ihre berufliche Tätigkeit und ihre Familie miteinander vereinbaren. Mit über 50 fühlte sie sich bereit, ein neues Unternehmen aufzubauen, und konnte nach eigener Aussage die unterschiedlichen Anforderungen einer Unternehmensgründung besser überblicken.
Wo werden De Marquet Handtaschen hergestellt?
De Marquet Handtaschen werden in der Schweiz entworfen und von erfahrenen Handwerkern in Italien gefertigt. Die Produktion befindet sich in der Toskana.
Was zeichnet De Marquet Handtaschen aus?
Die Schweizer Taschenmarke verbindet klare Silhouetten, hochwertige Materialien und praktische Funktionen. Im Mittelpunkt stehen vielseitige Handtaschen, die sich für unterschiedliche Situationen im Alltag eignen.
Was bedeutet Luxus für Raffaella Iten Metzger?
Für Raffaella Iten Metzger bedeutet Luxus vor allem Zeit mit Familie, Freunden und geliebten Menschen. Besonders wichtig ist ihr das Gefühl von Geborgenheit und die Möglichkeit, in einem vertrauten Umfeld neue Energie zu schöpfen.
Fazit: Ein Neuanfang kennt kein Alter
Die Geschichte von Raffaella Iten Metzger zeigt, dass es für neue berufliche Wege keinen allgemeingültigen Zeitpunkt gibt.
Mit über 50 wagte sie den Schritt in eine Branche, in der sie sich zunächst ein neues Netzwerk aufbauen und vieles von Grund auf lernen musste.
Heute verbindet sie ihre Erfahrung aus der Kommunikationsbranche mit ihrer Leidenschaft für Ästhetik und italienische Handwerkskunst.
Dabei hat sie sich ihre Neugier, ihren Optimismus und den Glauben an die eigene Idee bewahrt.
Und während sie mit De Marquet weiterhin grosse Ziele verfolgt, bleibt ihre persönliche Definition von Luxus bemerkenswert einfach: Zeit mit den Menschen zu verbringen, die einem wirklich wichtig sind.
Weitere Informationen über De Marquet: www.demarquet.com






































